Christmas Letter 1989

1989 Unser 1. Weihnachtsbaum in den USA in Brookfield Buckingham Pl.

1. Advent 1989:

Die ist unser Weihnachtsbrief an die Freunde in Europa


1989 Europäer ! Liebe Freunde!
Diesen Weihnachtsgruß schicken wir Euch aus dem Zentrum der nordwestlichen Hemisphäre (45 Grad nördlicher Breite und 90 westlicher Länge), also etwa 1200 km südlich und rund 7000 Km westlich von Hamburg. Dennoch ist hier kalt und wir blicken aus dem Fenster auf spiegelglatten vereisten kleinen See. Den vier kanadischen Gänsen macht die Kälte minus 7 Grad Celsius (13:13 Uhr am 3. Dezember 89) offensichtlich nichts aus und sie sitzen auf dem Rasen mit der Nase in den Wind. Ja - wir haben uns inzwischen etwas an die neue (Um)Welt gewöhnt und das kommende Fest ist ein guter Anlass, Freunden über turbulenten vergangenen Monate zu berichten.
Wie ihr wisst, sind wir in Etappen umgezogen. Mark und Dietmar zogen Sommer 1088 nach New Berlin und hatten eine letzte Chance, 11 Monate für ein gutes Vater-Sohn Verhältnis zu sorgen. Heidi und Annemarei kamen zu Besuch, so oft es die Hamburger Schulferien zuließen. Seit diesem Sommer sind wir nun alle hier und wohnen in einem nach eigenen Vorstellungen gebauten Haus in Brookfield - einem westlichen Vorort von Milwaukee, vergleichbar mit Blankenese. Das Haus entspricht nicht so ganz amerikanischen Vorstellungen, wir aber fühlen uns hier sehr wohl. Die Anschrift beinhaltet so ein bisschen "Hollywood", vermischt mit old English und French. Die ganze Subdivision, am besten kann man das mit Siedlung übersetzen, heißt folglich auch "Chateau Royale". Alles Schall und Rauch !! Wie so vieles hier. Aber man findet auch "the real stuff", wenn man sucht - und eigentlich alles, was ein norddeutsches Herz begehrt. Das gilt besonders in dieser Gegend, mit wohl mehr als 50% deutschstämmigen Einwanderern.
Heidi beginnt sich einzuleben. Sie organisiert die erste Phase unseres Lebens in der neuen Welt - mit allem Drum und Dran. So ziemlich jede Einzelheit im täglichen Leben ist anders als gewohnt und das geht einem manchmal auf die Nerven. Der große Unterschied zwischen USA und Europa ist die Summe der vielen kleinen Unterschiede. Wir bewundern Heidi und ihr Management der neuen Situation. Sie hat schnell herausgefunden, wie man auch den widerspenstigsten Handwerker zur Arbeit kriegt.
Die Leute sind freundlich und wenn einem die ganze amerikanische Lebensphilosophie nicht paßt, gibt es Auswege; z.B. die vielen frisch eingewanderten Europäer. Dennoch, wir sind traurig, daß wir die Öffnung des Ostens in Deutschland nicht miterleben können. Langsam bauen wir uns einen kleinen Freundeskreis auf - ist jedoch kein Vergleich zu Hamburg - wir vermissen die Freunde dort sehr.
Mark erkundet die Tiefen in der Biochemie und Biologie, was dem vorklinischen Studium in Deutschland entsprechen durfte. Er studiert hier an der University of Wisconsin, Milwaukee Campus, und lebt in der Woche in dem Haus der Fraternity "Tau Kappa Epsylon" auf dem Campus. Anna ist "Senior" in der Brookfield High School und hat trotz Länderwechsel den Übergang auf die neue Schule blendend geschafft. Nach ihrer Interpretation muß man hier viel mehr pauken und weniger denken als in Deutschland. Sie will nach dem High School Abschluß auf ein College, vielleicht sogar weit weg nach Maryland. Die Möglichkeiten sind enorm, die Zahl der Colleges ist groß und alle sind natürlich überdurchschnittlich gut, nach eigenen Angaben -jedoch keiner weiß was Genaues. Mal sehen.
Beruflich ist Dietmar zufrieden. Aus dieser Sicht war der Wechsel in die USA das Beste, was ihm hatte passieren können. Die tägliche Routine hat gerade das richtige Maß, um genügend Zeit der Wissenschaft und Lehre widmen zu können. lm Schnitt hat er wohl ein bis zwei Operationen täglich. Manches ist ähnlich wie in Altona, vieles jedoch komplexer, so wie man das von der Chirurgie an einer führenden Universität erwartet. Das Medical College ist die ehemalige Marquette University Medical School und soll die zweitgrößte Medical School der USA sein. Vieles aus dem täglichen Alltag entspricht diesem Anspruch. Ein hohes Maß an theoretischem und auch praktischem Wissen ist bei Assistenten und Professoren gepaart mit erstaunlicher Perfektion im klinischen Alltag und in der Forschung. Die Vorlesungen und Vorträge sind hervorragend und haben ein hohes Niveau. Eine gute Sekretärin und eine fähige Research Nurse helfen Dietmar bei seinen Projekten. Dadurch hat er manchmal etwas mehr Zeit für die Familie als in Deutschland. Aus diesem Grunde haben wir auch in der Adventzeit Muße, diese Zeilen zu schreiben. Wir sind zuversichtlich, daß der Brief bis Weihnachten bei Euch ankommt und wünschen ein gutes, besinnliches Fest und ein tolles neues Jahr.

Die vier Wittmänner aus Wisconsin
Annemarei - Dietmar - Heidi - Mark



PS: Handschriftliche Anmerkung von Heidi: Heinrich, diesen Namen gaben wir einer flugbehinderten kanadischen Gans, die als einzige von 5 Geschwistern übrig blieb und auf unsrem See lebt. Die Eltern haben viele Training Stunden mit Flugübungen verbracht und auch unterschiedliche Erziehungsmethoden zum "Abnabeln" angewandt. Doch mehr als 30 m kann Heinrich nicht fliegen, denn seine rechte Schwungfeder ist zu kurz. Also blieben auch die liebevollen Eltern bei uns am See im Garten. Nun ist der Weiher bis auf einen kleinen Bachzulauf zugefroren und wird versorgen unsere Gänse mit Mais.

Bilder aus dem Jahr 1988

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Die Gänse-Eltern zeigen Heinrich wie man fliegt indem sie unseren kleinen Hang zum See als Abfklugbasis benutzten

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Spätherbst: Nur noch Heinrich und seine Elteren sind geblieben