2385 BUCKINGHAM PLACE

BROOKFlELD, WISCONSIN 53045

(4l4) 797-9190

 

WEIHNACHTEN 1990

am 2. Advent

Es wäre ja nun fast an der Zeit diesen Weihnachtsbrief in englischer Sprache abzufassen aber das Deutsche lässt uns dann doch viel mehr Möglichkeiten des Ausdrucks. Da wir ja weder auf den Familienfeiern noch im Kollegenkreis oder beim Wein mit Freunden von unseren hiesigen Erlebnissen und Erfahrungen berichten konnten, gibt es in diesem Jahr einen ausführlichen Brief an alle Verwandten, Freunde und Kollegen.

Die Weihnachtszeit in Milwaukee ist so ganz anders als in Hamburg. Die Häuser, Gärten und Straßen sind seit dem Tag nach Thanksgiving, dem letzten Freitag im November, mit elektrischen Lichtern und Adventskränzen geschmückt. In den Häusern stehen schon die Weihnachtsbäume. Dennoch will keine Weihnachtsstimmung aufkommen. Heute beispielsweise haben wir mit Freunden bei strahlendem Sonnenschein, Schnee und Temperaturen um 5°C. auf einer Tannenbaumfarm unseren Weihnachtsbaum geschlagen. Am Nachmittag war noch so strahlendes Wetter, daß wir nicht einmal Adventskerzen anzündeten und uns auch nicht nach Bratapfel und Kakao war sondern eher wie im März-Skiurlaub mit Durst nach Bier und Wein. Es fehlt das Hamburger Schnuddelwetter!

Im Übrigen ist Weihnachten hier kein so bedeutendes Fest, sondern eher ein religiöses Fest unter vielen. So hat am 11 .Dezember das jüdische Hanukkah begonnen, das acht Tage dauert und große Beachtung findet. Es heißt hier somit auch nicht nur Merry Christmas sondern oft einfach Happy Holiday! Mehr als ein verkürztes Weihnachten schmerzt uns der Mangel an Sylvester Tradition mit Feuerwerk und Tanz in den Morgen. Hier gibt es Dinner Partien, die um 0.15h beendet werden - einfach schrecklich.

Das Neue Jahr 1990 begann mit strahlendem Wetter, großer Kälte und Schnee. Ein Winter, wie man sich ihn nur wünschen kann. Der Teich hinter unserem Haus war zugefroren, auf der Insel im See brannte ein Neujahrsfeuer und mit den Nachbarn wurde Glühwein getrunken. Um die Insel herum wurde eine Eisbahn in den Schnee gefegt und die Sportlichen genossen den Tag auf Schlittschuhen.

 

Mark hatte sich zu Weihnachten einen Hamburg-Flug gewünscht und verbrachte das Neujahrsfest mit seinen deutschen Freunden.

Dietmar und ich flogen im Januar zu einem Chirurgen-Kongress nach Naples an Floridas Golfküste, von wo aus wir einen sehr interessanten Ausflug in die westlichen Everglades machten. Vom Boot aus konnten wir Kormorane, Delphine und Seeadler beobachten, später fuhren wir mit dem Auto durch ein Djungelgebiet.  in dem wir die Tierwelt in und  über den Sumpfe staunten, Plötzlich lief uns sogar ein Panter über den Weg. Viele der noch lebenden Panther sind in diesem Sommer bei dem großen Brand umgekommen.

Ende Januar flog Heidi in Hamburg, weil sie ja immer ein Rückflugticket in der Tasche hat, und auch sonst Sehnsucht hatte nach der pulsierenden Stadt Hamburg. Dort hat sie es genossen, von morgens bis abends Freunde zu treffen, in den zwei Wochen dreimal ins Theater zu gehen.... das war wirklich schön, Ihr lieben Blankeneser. Sie genoss den Abend mit den Kollegen bei Hannelore und verklönte so manche Stunde am Telefon. Auf dem Rückflug war der Koffer voll mit unerlaubten Waren. Inzwischen haben wir eine gute Zahncreme, aber kein Haarwaschmittel gefunden, dafür aber Unteräsche, aber keine weichen Herrensocken, es gibt Schwarzbrot, Zuckerrübenkraut, Apfelkraut und Quark, aber keinen Katenschinken und weißen Spargel und es gab keine Zeitungen mit den genauen Wahlergebnissen vom 3.Dezember, diese Informationen fehlen uns dann doch sehr!!

Aus Hamburg zurück, wo schon die Krokusse blühten, träumten wir vorn Frühling. Es wurde ein langer Traum, denn der Boden war bis Ende März gefroren und richtig zu blühen begann alles auf einmal im Mai. Ein wenig wurde der lange Winter durch die ersten Besucher aufgelockert: Im März kam Dietmars Bruder Volker mit Jutta und ihrem Sohn Nils, die einmal schnuppern wollten, ob man es bei uns auch länger als 5 Tage aushalten kann. Im Mai kamen dann Dietmars Mutter und Reinhard, ihr Lebensgefährte. Mit ihnen fuhren wir anläßlich einer Chiurgentagung mit dem Auto nach Minneapolis/St. Paul, kurz Twin-City genannt und damit zum ersten Mal über den Mississippi -ein großes Erlebnis.

Mitte März, an einigen Stellen war der See schon aufgetaut, kamen unsere Gänse zurück, die Eltern mit Heinrich und einer 4.Gans, die wir nach einigen Tagen aber nicht mehr sahen. Wir beobachteten die Gänse-Eltern beim Nestbau auf der Insel vor unserem Fenster. Anfang

Apri 1 war das Nest fertig und innerhalb weniger Tage legte die Gans ihre Eier hinein. Anfang April war das Nest fertig und innerhalb weniger Tage legte die Gans ihre Eier hinein/ An 8 April brütete die Gans, so daß nur noch der Ganter auf dem See herum schwamm, denn schon seit mehreren Tagen vermißten wir Heinrich. Aus den Büchern von Konrad Lorenz wissen wir, daß die Gänse 28 Tage brüten, sie etwa 4 Wochen nach dem Schlüpfen der Jungen die Schwungfedern verlieren und dann aber gemeinsam mi t ihrer Brut weitere 4 Wochen später wieder fliegen können. So sahen wir also mit Spannung dem 5./6.Mai entgegen. Anfang Mai erschien plötzlich eine Schneegans auf dem See und versuchte sehr aggressiv, unseren Ganter von seiner Gans zu vertreiben und sogar, die Gans vom Nest zu jagen. Zwischen den beiden Gantern gab es heftige Kämpfe im Wasser und Beißereien auf dem Lande. Das dauerte bis zun 4.Mai. An diesem Morgen kommt eine Gans mit 6 Kleinen über den See auf unsere Terrasse zugeschwommen und stolziert danach mit ihren kaum wenige Stunden alten Kindern durch sämtliche Gärten. Doch sie kam ohne Vater und als sie dann in unserem Garten eine Futterpause einlegte und so gar keine Angst vor Heidi hatte, stellten wir fest, die Mutter war unser Heinrich, der erst im Dezember fliegen gelernt hatte, Wir tauften ihn/sie um in Henriette. Nun sah der Schneeganter seine Chance gekommen und bat der vaterlosen Familie seinen Schutz an, gleichzeitig entwickelte aber auch Henriettes Vater enorme Großvater-Gefühle und legte sich mit dem Schneeganter wieder einmal an. Doch am 7.Mai schlüpften auch die Jungen von Henriettes Mutter, die genauso stolz durch unseren Garten kam mit ihren 5 Kindern. In der ersten Nacht kam ein Junges abhanden, so daß wir von da ab 14 Gänse in unserem Garten versorgten, und die Schneegans sich liebevoll um ihre Pflegekinder bemühte. Bis alle Familienmitglieder wieder fliegen konnten verbrachten sie den Sommer auf dem See, sie kamen im Herbst nur sporadisch vorbei und seit dem ersten Frost sahen wir einige Male zwei Pärchen auf dem Eis. Mit Sicherheit erwarten wir die Gänse im März zurück.

Der Juni bis in den Juli hinein war mit der Gartengestaltung ausgefüllt und endlich, in der 2.Juli-Woche waren die Beete bepflanzt, der Gewürzgarten im Konzept werden, die Bäume und Büsche im Boden und die Auffahrt asphaltiert. Nun konnten der Sommer und die Besucher kommen. Alles war gerichtet.

Unmittelbar nach der Fußball-WM, die wir hier leider nicht verfol­gen konnten, weil wir zu dem Zeitpunkt noch nicht den richtigen Kabel-Anschluß besaßen, tra­fen Gabi und Helge Wienert aus Hamburg hier ein, um den Sommer, in welcher Form auch immer, mit uns zu verbringen. Einige Tage durften sie sich an uns gewöhnen und einleben, dann pack­ten wir unseren Mini-Van und fuhren ein zweites Mal in diesem Jahr nach Westen, doch dieses Mal nicht nur über den Mississippi, sondern hinein in die Weite des Landes.

Wir haben amerikanische Geschichte erlebt, waren in den Black Hills, auf dem Custer-Battle-Field und in den Goldgräberstädten. Über Billings in Montana, durch den Yellowstone Park bis nach Utah sind wir gefahren. Auf dem Wege nach Denver haben wir bei bayrischer Volksmusik und Tiroler Speise­karte eine Abendpause in Vail eingelegt. Wir machten einen Abstecher in den Arche -National­ Park, fuhren durch das Colorado-Tal zurück, über Dodge-City nach Memphis für einen Blues­ Abend. Dann nach Nashville mit zwei Abenden Country-Musik. In der letzten Nacht hat man un­ser Auto aufgebrochen und die Kameras gestohlen. Zu dem materiellen Schaden kam viel schlim­mer der Verlust der Filme von Memphis und Nashville, so daß wir weder Erinnerungen an das berühmte Sun-Studio, wo Elvis seine ersten Aufnahmen gemacht hat, noch an unser Sektfrühstück im Park (no alcoholics) auf Gabis Geburtstag vorzeigen können. Am nächsten Abend waren wir wieder in Milwaukee -2 Wochen und 5200 Meilen: eine fröhliche, aufregende und erholsame Reise.

Einige Tage nach unserer Rückkehr kam Brigitte Corleis. sie sich vorgenommen hatte, in Amerika einmal old fashioned anzukommen -also per Schiff von Bremerhaven   nach Savannah. Von dort kam sie nach Milwaukee geflogen und verbrachte die restlichen Ferientage mit uns. So wurde das Haus langsam voll, denn auch Annemarei kam aus Europa zurück, Mark hatte seine Sommerschool beendet und aß und schlief nun auch zu Hause.

Der Sommer war kaum zu ende, da rüsteten schon wiede die Eltern zu einer Reise: Am 6.0ktober starteten wir gemeinsam mit unseren Freunden Pat und Charly Aprahamian zu einer 6-wöchigen Reise, auf der die beiden Männer Vorträge und Vorlesungen zu halten und wir beide mitreisende, fremde Länder genießende Ehefrauen waren. Die Reise begann in San Francisco, das Pat und ich uns mal wieder zu Fuß und per Cable-Car eroberten. Da wir meistens sehr früh unterwegs waren, sahen wir all die vielen Obdachlosen in den Hauseingängen, wurden von jungen Frauen und Männern angebettelt und waren wieder einmal entsetzt, daß diese Stadt ihre Probleme auch nicht in den Griff bekommt.

Von S.F. flogen wir nach Seoul, eine Stadt, die sicherlich von den Olympischen Spielen pro­fitiert hat, denn es war grün, sauber, es herrschte eine hektische Betriebsamkeit. Natürlich haben wir Paläste und Museen besucht, aber beeindruckt waren wir von der Freundlich der Menschen.

Von Seoul flogen wir nach Taipeh, wo uns gerade Zeit blieb, einen großen Tempel und das Nationalmuseum zu besichtigen, in dem alle vom Festland abtransportierten Kunstschätze Chinas untergebracht sind. Es sind so viele, dass jeder Gegenstand nur alle 6 Jahre für drei Monate ausgestellt wird. In Taiwan ist das Leben viel westlicher, dafur aber die chinesische Küche für unseren Geschmack nicht chinesisch, eher sehr ungewöhnlich. Fast die gleichen chinesischen Gerichte wurden uns dann auch in Bangkok als Besonderheit empfohlen, aber auch dort konnten wir keinen Gefallen an dem geschmacklosen Essen finden. Die Thai-Küche hat uns viel besser gefallen, sie hatte schon mehr Ähnlichkeit mit indischem Essen. Wir haben uns Bangkok angesehen und hatten dann sogar noch drei Tage Badeurlaub in Pattaya – für uns verbunden mit Hitze, Langeweile und Sonnenbrand, so dass wir froh waren, endlich nach Delhi fliegen zu können. In Indien waren mehrere Städte eingeplant: Delhi, Jaipur, Bombay, Trivandrum, Madras, Hyderabad und wieder Delhi. Zur Zeit unserer Reise fanden in Indien erhebliche Unruhen statt, so dass es in vielen Städten zu Laden Schließungen und Ausgangssperren kam. Die Ursache dieser Aufstände war ein Gesetz, das bereits vor 5 Jahren beschlossen worden war und den unteren, ärmeren Bevölkerungsschichten (das Kastensystem ist offiziell abgeschafft) (über eine Quoten-regelung den Zugang zu Ausbildung Möglichkeiten schaffen soll. Die Regierung erinnerte sich an dieses Gesetz und wollte es durchsetzen, um Wählerstimmen zu gewinnen. Die reichen Inder sahen sich in ihrer Freiheit und den bestehenden Rechten eingeschränkt. So brauchten diese einen Anlass zur Aufruhr und das war die Forderung der Hindi an die Moslem, eine Moschee abzureißen, weil ihnen der Platz schon lange gehoere und sie nun einen Hindu-Tempel darauf errichten wollten. Hier konnte sich die Regierung nicht einmischen, weil Kirche und Staat getrennt sind.

Wir flogen nun also nach Delhi und fuhren von dort fuer einen Tag nach Agra, um das Taj Mahal zu besichtigen - zweimal  4 Stunden. Autofahrt. Nach einem sehr kurzen Aufenthalt in Bombay - ein Vortrag und eine Nacht im Hotel - flogen wir an die Süd-West-Küste, 50 KM von der Südspitze Indiens entfernt, nach Trivandrum, eine Kleinstadt im Staate Kerala.

verbrachten drei Tage in einem Ferienresort am Strand bei Muscheltauchern und Fischern und erlebten ein ganz anderes Indien. Die Straßen waren sauber, wir sahen keine Bettler, alle Menschen arbeiteten, die Kinder lungerten nicht auf der Straße, sondern gingen in die Schule. Der Staat Kerala hat die höchste Alphabetisierungsrate in Indien mit 76%, während das restliche Land unter 45% 1iegt. Der Grund für diese andere Struktur wurde uns so erklärt: Kerala ist ein Frühchristliches Land (Jesu Jünger Sankt Thomas von Syrien), es folgten viele Missionare, daher die Sauberkeit und das Schulsystem. Seit etwa 20 Jahren hat Kerala eine frei gewählte kommunistische Regierung, die alle von der Zentralregierung angeregten Arbeitsbeschaffungs-Vorschläge umsetzt und für sozialen Ausgleich sorgt. Somit funktioniert das System zur Zufriedenheit.

Von Trivandrum flogen wir nach Madras, die Seidenstadt Indiens, eine herunter-gekom-mene, englische Kolonialstadt - schmutzig und arm. Während unserer drei Tage Aufenthalt hatten wir Monsunregen, der 150.000 Menschen obdachlos macht, andererseits den Landbesitzern reiche Ernten bescheren wird. Die Armut in Indien war noch grösser als wir erwartet hatten. Auf die Frage nach einer Loesung antworteten uns indische Freunde: Wir haben große Fortschritte gemacht, in Indien muss keiner mehr an Hunger sterben:

Nun flogen wir wieder in das gemäßigte Klima Delhis, wo zum Abschluss ein Weltkongress für  Bauchchirurgie stattfand und Charly und Dietmar Vorträge zu halten hatten. Wir kauften noch ein wenig ein und flogen dann weiter nach Paris. Unsere Freunde Pat und Charly waren nicht nur zum ersten Mal in Asien, sondern auch in Europa und wir wollten ihnen Paris, Berlin und Hamburg zeigen. Doch offensichtlich ist Pat und mir der Wetterumschwung nicht bekommen, so dass wir nach einem Tag Paris eine fiebrige Grippe bekamen. Pat uns Charly sind somit von Paris nach Milwaukee zurück geflogen.

Wir wollten uns aber besonders Berlin nicht entgehen lassen, denn seit dem 9.Nov. 89 waren wir beide noch nicht dort gewesen. Trotz Grippe und Kälte fuhren und gingen wir durch Berlin. durch ganz Berlin. Mit dem Auto fuhren wir dann von Berlin über die Dörfer nach Schwerin, tranken einen Kaffee, wunderten uns ueber die vielen Westautos und die vollen Einkaufstueten auf dem sonnabendlichen Wochenmarkt. Über die Autobahn - welch ein sanftes Fahren - ging es dann nach Hamburg-Blankenese. Mal wieder wurden wir bei Freunden gastfreundlich aufgenommen, wieder war ein Theaterbesuch vorbereitet und mit der Familie haben wir uns auch getroffen. Da Dietmar früher abreisen wollte, hatte Heidi sich noch einige Besuche vorgenommen, doch die Krankheit hatte ihr dann doch zu schaffen gemacht. So freuten sich ihre Eltern über einen ausgedehnten Besuch und viele Stunden zum Reden und Gedankenaustausch über die politischen Verae4nderungen.

war ein schöner Abschluss unserer langen Reise. Und nun freuten wir uns auch wieder auf Milwaukee? denn das große Familienfest Thanksgiving stand vor der Tür das hier auch Mark kam nach Hause und vor allem sahen wir Anna seit dem 21 .August zum ersten Mal wieder? denn sie studiert seit dem an einem College in Maryland. Da Anna mit 17 Jahren soweit fortziehen wollte, war schon ein einschneidendes Ereignis in unserem Leben.

Nun werden viele fragen, warum nach Maryland? Als sich für Annemarei im November 1989 abzeichnete,  dass sie im Mai dieses Jahres graduieren würde, musste sie sich überlegen, an welchem College sie studieren mochte. Nach zwei Jahren College hat sie unter bestimmten Fächerauflagen einen dem Abitur gleichgesetzten Abschluss, um z.B. in Deutschland studieren zu können. Um das College besuchen zu können, müssen amerikanische Schüler College-Aufnahme-Tests ablegen, die zentrale ausgewertet werden, Ausländische Studenten müssen einen Sprachtest absolvieren (TOEFL).

Nach welchen Kriterien sollten wir nun ein College auswählen? Anna fuhr erst einmal nach Madison, 70 Autominuten von uns entfernt, die Haupt-und Unistadt Wisconsins. Ihr Kommentar: zu viele Studenten (45.000). Zwei Kriterien zur Auswahl hatte sie bereits: sie wollte gerne an die Ost- oder Westküste und an eine kleinere Schule. Folgende Gesichtspunkte spielen für die Auswahl noch eine Rolle:

Alle diese Fragen mussten nun geklärt und in die Reihe gebracht werden. Wir fragten Freunde, wo sie ihre Kinder hingeschickt haben? wo sie selbst waren? was sie noch empfehlen. Anna hat ihre Schulfreunde gefragt, doch die blieben vielfach in der Nähe, natürlich auch wegen der Kosten.

Während dieser Überlegung Phase fand in Milwaukee eine College-Messe statt, auf der sich 400 Colleges mit eigenem Infostand präsentierten. Anna nahm sich einen Tag schulfrei und wir fuhren in die Stadt. Die Messe war gut besucht, denn viele Schulbusse entluden Schulklassen. Am meisten umlagert waren die Colleges der Umgebung und das College der Universitaet von Milwaukee, denn die Eltern sparen das Geld für Unterkunft und Verpflegung, das Schulgeld ist geringer, wenn man in der Heimat-Staat studiert und die Chance auf ein Stipendium oder eine Minority Unterstützung ist grösser. Auf unserem Rundgang wurden wir von einem netten, jungen Mann angesprochen, der für seine Schule warb,  freundlich, informativ und nicht sehr aufdringlich. Er schickte uns wenige Tage später ein Video und ein Studentenhandbuch über die Schule und siehe da, sie entsprach Annas Vorstellungen: Ostküste, 1200 Schüler, Co-ed; in finanzieller Hinsicht entsprach sie auch unseren Vorstellungen: eine staatliche Schule mit vergleichsweise niedrigen Gebühren und nach den Untersuchungen von U.S. News, die jedes Jahr über Hunderte von Colleges und Universitäten durchgeführt werden und in einer Rangliste aufgeführt sind, liegt dieses College, ein Liberal-Art-College (Schwerpunkt Allgemeinbildung) seit vielen Jahren unter den ersten fünf an der Ostküste.

Nun hatte Anna plötzlich ein Ziel vor Augen und wollte eigentlich nur noch an diese Schule. Sie bewarb sich noch anderswo,  bekam aber als erstes von Maryland die Zusage. Inzwischen war sie auch mit ihrem Vater an die Ostküste gefahren und hatte nach eine kurzen Besuch bei Yale, sich den Ort angesehen: St. Marys City in Maryland ist das College und das College ist in St. Marys City, abgelegen von jeder größeren Stadt: 90 Autominuten nach Washington D.C., 2 Stunden nach Baltimore.

Im April eines jeden Jahres atmen die „senior students“ an den Schuren auf, denn nun wissen sie fast alle, ob sie nach dem Sommer auf ein College gehen können und wohin. Noch sechs Wochen arbeiten für die Schule und dann bekam Anna ihr Abschlusszeugnis von der Brookfield Central High School. Mit 3.93 von zu erreichenden4.0 war sie letzten Endes unter den sog. „top ten“ ihrer Schule und durfte sich an ihren Hut einen goldenen tassel (Bommel) hängen. Sie war genauso zufrieden mit ihrem Zeugnis wie ihre Eltern. Sie hat sich gut eingelebt gehabt in das amerikanische Schulsystem.

Im August zog Anna nun mit Sack und Pack unter Marks Mithilfe per Auto nach St. Mary‘s City. Sie bezog ein 4-Bett Zimmer auf dem Campus, was für sie eine große Umstellung bedeutete. Für das 2.Sememster durfte sie mit ihrer Zimmerfreundin in ein 2-Bett-Zimmer umziehen. 1-Bett Zimmer gibt es frühestens für das 3.Studienjahr; im 4.Jahr können die Studenten in Wohnungen mit Bad und Küche leben, um sich auf das Leben draußen" vorbereiten zu können.

5

Unsere Tochter wird es aber sicherlich bald vom Campus fortziehen in eine Wohngemeinschaft, um  vor allem nicht mehr auf das Kantinenessen angewiesen zu sein. Viele Colleges scheinen ihren Uni-Betrieb über Wohn- und Essensgelder mit zu finanzieren, denn Wohnen und Essen ist beispielsweise für Mark ist viel billiger als für Anna im College. Er wohnt in einem Einfamilienhaus mit 7 jungen Männern etwa 5 min. Fußweg von der der University of Wisconsin in Milwakue, was ihn unabhängig vom Essen in der Kantinen macht.

Annemarei genießt andererseits die nächtelangen Diskussionen über den Sinn des Lebens (kommt uns allen doch bekannt vor!) über die amerikanische Politik,  die nicht unumstritten ist, vor allem aber über die Situation im Irak, und über die Probleme der jungen Leute, die nun in die Wüste geschickt werden. Sie genießt es, neue Menschen kennenzulernen, auch viele African Americans und Ausländer an ihrem College. Natürlich liebt sie es, von uns unbeaufsichtigt leben zu können. Doch die Umstellung auf das College-Leben war nicht einfach: neue Lernmethoden, viele Menschen Tag und Nacht um sie herum, keinen Platz, um sich zurück zu ziehen, wenig Nachtruhe, auch eine Klimaumstellung – was sie ehr an die Klassenreisen in der Jugendherberge mit vielen Hausaufgaben erinner. Natürlich bergen die vielen Partys auch neue Gefahren, Das ist typisch für Studienanfänger im College: Alkohol, Zigaretten, Rauschmittel) auch Aids ist ein College Problem, da amerikanische Jugendliche nicht gut aufgeklärt worden sind. Hoffentlich trägt unsere Erziehungsarbeit Früchte, und Anna kann die meisten Gefahren gut umschiffen.

Für Mark war es in dieser Hinsicht etwas einfacher, denn er war schon 20 Jahre alt, als er ans College ging und dabei auch noch den engeren Kontakt zum Elternhaus hatte. Mark wird im Mai 1991 vom College graduieren und dann hoffentlich für einen Studienplatz an einer Medical School qualifizieren. Diese Woche ist er in den Abschlusstests des Herbstsemesters. Über Weihnachten musste er dann die Bewerbungen für die Universitäten schreiben und auch dort musste er das Ergebnis eines Mediziner-Tests und gute Ergebnisse vom College vorweisen, um eine Chance zu haben. Es sieht alles sehr gut aus. Die letzten Entscheidungen werden für ihn im August fallen, weil natürlich auch hier Doppelbewerbungen und Absagen vorkommen. Es wird wieder ein spannendes Jahr, diesmal für Mark und uns. Auch er möchte am liebsten fort aus Wisconsin, weil es ihm hier zu provinziell ist.

Dietmar hat nach wie vor viel Freude an seiner Arbeit, vor allem aber an Operieren und dem Lernen mit den Studenten und jungen Assistenten. Der Sommer war wieder ereignisreich an Schießereien und in Milwaukee hat es bis jetzt beinahe 200 Tote gegeben in diesem Jahr. In der vergangen Woche ist eine Verordnung verabschiedet worden, wonach in Milwaukee keiner mehr eine geladene Waffe, eine zusammengesetzte Waffe und lose Munition oder aehnliches bei sich haben darf. Wir sind gespannt, ob das hilft.

Dietmar hat doch immerhin so viel Zeit, seine Eisenbahn wieder aufzubauen. Dafür haben wir dann für den Ausbau unseres Family-rooms im KelIer Handwerker engagiert, die dann wohl auch noch die Sauna installieren werden - fuer die Besucher im Sommer 91!

Ich hänge mit meiner Arbeit seit der langen Reise noch etwas hinterher. Vor einigen Tagen habe ich auf einer Lunch Einladung zum ersten Mal Frauen kennengelernt. mit denen ich gegen jede Etikette verstoßen und politisch diskutiert habe: Über Abtreibung, oder und gegen die amerikanischen Kriegsvorhaben in der Wüste (work for peace-Gruppe), über Amnesty international und ich denke bei einer dieser Gruppen konnte ich mich mit freiwilliger Arbeit wohl fühlen.

Vieles in diesem Brief musste zu kurz kommen, dennoch ist er zu lang geworden. Natürlich nehmen wir uns immer wieder vor. häufiger zu schreiben. doch dann reicht nicht einmal die Zeit, auf einer langen Reise aus, allen einen Gruß zu schicken.

Wir freuen uns auf ein Weihnachtsfest mit unserer kleinen Familie, mit Kartoffelsalat, Tannenbaum und Weihnachtsgans und natürlich bei Schnee und Eis. Wie wir ins Neue Jahr rutschen werden, wissen wir noch nicht, viel leicht ja auf Schlittschuhen und Glühwein in der Hand.

Ein fröhliches Weihnachtsfest und ein gesundes, friedliches 1991.