Weihnachten 1993


Die zweite Adventswoche ist schon beinahe vorüber und dennoch bleibt uns noch Zeit, den Weihnachtsbrief bis zu den Feiertagen auf den Weg zu bringen, denn in diesem Jahr haben wir ja fast fünf Vorweihnachtswochen.

Wir feiern nun schon das fünfte Weihnachten in Milwaukee und fühlen uns dabei sehr wohl, denn die Mischung aus echter Tanne mit Wachskerzen (Colorado Blue Spruce) und amerikanischem Kunstgewerbe gefällt uns sehr gut. Es fehlen uns allerdings unsere Eltern und Geschwister sehr und für den Sylvesterabend all die lieben Freunde.
Unser Heiligabend hat sich auch verändert. Früher waren wir vier immer alleine,. Dieses Weihnachten haben wir gleich dreifachen Besuch: Marks Freundin Lisa wird, wie schon die Jahre vorher, wieder mit uns feiern. Zusätzlich kommt Annemareis Freund Barrett aus Washington, DC und noch ein besonderer Gast, Marks ehemalige Mitschülerin aus dem Gymnasium Willhöden, Ursula, die als Medizin-Studentin hier zur Zeit bei Dietmar eine Famulatur absolviert. Wir geniessen die Zeit mit ihr sehr und haben viel Spass miteinander. So werden Anna und Ursula in diesem Jahr die Weihnachtsbäckerei übernehmen und hoffentlich mit Marks und Lisas Hilfe ein Pfefferkuchenhaus bauen.

Mark hat in diesem Sommer sein erstes Examen bestanden und befindet sich nun im klinischen Teil seiner Medizin Studiums, wobei er mit großer Begeisterung und entsprechendem Einsatz Chirurgie betrieben hat. Im letzten Jahr hatte er bereits als erster Assistent bei Lebertransplantationen mitgewirkt. Jetzt arbeitet er in einer Familien Praxis und findet die Arbeit nicht ganz so aufregend, aber immerhin ist die tägliche Arbeitszeit kürzer und die fehlenden Nachtdienste vermisst er kaum. Im Frühjahr hatte Mark sich mit seinem room-mate eine neue Wohnung in einem Zweifamilienhaus gemietet, wo er sich sehr wohl fühlt. Bald wird er sich entscheiden müssen, wo er seine Assistentenzeit absolvieren will, denn die wird er nicht in Wisconsin machen wollen, hier war er nun schon sechs Jahre! Nach so langer Zeit möchte er wieder an einem Ort wohnen, wo ihm Meeresluft um die Nase weht-ein wenig so wie in Hamburg.

Annemarei ist mit ihrer College-Ausbildung am 16.Dezember fertig. Sie schließt ein Semester früher als geplant ab - und darüber ist sie sehr froh, weil sie nach dem dreijährigen Landleben in Maryland wieder in einer Stadt wohnen möchte: in Washington DC oder doch in einem der vielen Vororte. Den Sommer hatte sie schon in der Hauptstadt verbracht, als sie bei NIH (National Instutute of Health) einen Sommerjob im Labor hatte. Immerhin hat ihr diese Tätigkeit dei Ehre einer ersten wissenschaftlichen Arbeit gebracht, die sie mit Stolz in Form eines Posters präsentierte. Den Beginn des MedizinStudiums hat Anna auf 1995 verschoben, da sie erst einmal eine Lernpause einlegen und die Zeit zum Geldverdienen und Reisen nutzen möchte.

Dietmar und ich haben in diesem Jahr vier größere Reisen gemeinsam unternommen. Im Januar waren wir mit Anna in Longboat Key, einer Insel vor der Westküste Floridas, zu einem Chirurgentreffen und haben die Sonne am Golf von Mexico genossen. Anfang März flogen wir zum Skilaufen nach Snowbird, einem künstlich angelegten Skiort oberhalb von Salt Lake City, Utah, mit wunderbarem Schnee, Pisten bis 4000m hoch, viel Sonne und wenig Leute: ein Skiparadies.
Im April haben wir die im Herbst ausgefallene Reise nach Kolumbien unternommen. Wir waren in Bogota und Cali. Dieses Land scheint uns eines der reichsten der Erde zu sein, dieses Land bietet den Menschen alles, was sie benötigen: in den höher gelegenen Gebieten um Bogota wächst Obst und Gemüse, und da es keine Jahreszeiten gibt, kann ununterbrochen geerntet werden. Am Fusse der Berge wåchst Wein, Zuckerrohr, Kaffee und es gibt alle Südfrüchte, es werden Edelsteine und Edelmetalle abgebaut, Kohle und Erze und neurdings wir Erdöl gefördert. All dieser Reichtum gehört zwei Grossfamilien und 2 % der Bevölkerung, 98% sind arm und abhängig. Einen Tag sind wir zum Baden an die Pazifik-Küste gefahren. Ein Motorboot brachte uns viele Kilometer weit hinaus auf die vorgelagerten Inseln, doch sogar dort war das Wasser so schmutzig, dass wir uns ekelten, schwimmen zu gehen: der gesamte kolumbianische Müll scheint mit dem Cali-Fluss in den Ozean gespült zu werden. Diese Situation und dass Heidi wegen Kidnapping-Gefahr - sicherlich übertrieben - das Hotel mitten in der Stadt nicht alleine verlassen durfte, haben uns so sehr abgeschreckt, dass wir so bald nicht wieder dorthin reisen möchten.
Im September unternahmen wir mit unseren Freunden Pat und Charly eine wunderschöne Deutschlandtour und sie haben Deutschland sehr genossen: den Wein in Süddeutschland und das Bier an der Elbe, besonders im Gröninger in Hamburg. Vielen Dank an all die Freunde, die zu dem guten Gelingen beigetragen haben! Vor allem aber Dank an Tante Mie und Onkel Hilarius in Karden, die uns den Aufenthalt an der Mosel so angenehm gemacht haben.
Karden

Dietmar reiste im November für einige Tage nach Brasilien und empfand dieses Land aufregend und interessant, ganz anders als Kolumbien.
Und natürlich hatten wir wieder Sommergäste. Im Mai besuchten uns Lilo und Peter Schiller, nachdem sie die "Graduation" ihres Sohnes Sven in Rochester, N.Y., gefeiert hatten. Wir verbrachten einige schöne Tage mit langen Spaziergängen - und wer Lilo kennt, wird sich jetzt wundern: sie verspeiste alleine ein riesiges amerikanisches Steak. Es schmeckte auch wunderbar, denn Dietmar hatte es gegrillt Seit diesem Sommer ist er Spezialist darin nach einigen Anfangsschwierigkeiten ("Muss man Fleisch würzen?") Leider war die Zeit mit Lilo und Peter viel zu kurz!
Im Hochsommer flogen dann Dietmars Bruder und Schwester mit Ehepartnern und Kindern ein. Wir verbrachten viele fröhliche Stunden auf der Terrasse bis die Mücken kamen und beendeten die Abende mit Country Musik und entsprechenden Getränken.
Und dann lernten wir noch ein nettes Ehepaar kennen durch ihren Sohn Christian. Er arbeitet bei Dietmar an seiner Doktor-Arbeit und hat demzufolge manchen Abend und manches Wochenende mit uns verbracht, so dass seine Eltern uns besuchten und wir einen wunderschönen Tag im Garten verbrachten. Auf unserer Deutschlandreise machten wir dann auch einen Abstecher nach Hagen wo wir die Mohme'sche Gastfreundschaft genossen. Danke für die Stadtführung und das exzellente Essen!

Im letzten Weihnachtsbrief erzählten wir von unseren neuen Teich-Bewohnern, den Biebern. Diese Bieber (The Beasts from Brookfield) waren Sommerthema in Milwaukees Medien für mehrere Wochen. Die beiden Bieber stauten den Teich auf, um das umliegende Feuchtgebiet unter Wasser zu setzen, damit sie die gefällten Jungpappeln durch die angelegten Kanäle zu ihrem Bau ziehen konnten. Das missfiel einigen unserer Nachbarn sehr, weil sie Angst vor Kellerüberflutungen hatten und glaubten, die Bieber würden alle Bäume der Umgebeung fällen. So beschloss die Nachbarschaftsversammlung, die Bieber in Fallen zu fangen und umzusiedeln, wobei ihnen der Tierschutzverein behilflich sein sollte, denn nur er kann von der Umweltbehörde mit dieser Aufgabe betraut werden. Da es sich um Unterwasserfallen handelt, wurde auch der Tod der Bieber in Kauf genommen. Wir wollten den Bieber jedoch behalten, weil wir viel Freude an dem Gebaren der Tiere hatten. Eines Abends sahen wir die Abendnachrichten und trauten unseren Augen nicht: unser Haus gross im Bild, wir beide arbeiten im Garten und der Reporter steht mit unserer Nachbarin Cindy auf dem Bieberbau und sie gibt ein Interview darüber, weshalb der Bieber verschwinden muss. Zwei Tage später erscheint eine Gruppe des Tierschutzvereins mit Reportern von der Tagespresse im Gefolge und den Unterwasserfallen auf dem Auto, doch zufällig arbeitete Dietmar im Garten und sah die Gruppe auf den See zugehen. Er protestiert heftig gegen diese Aktion und erhielt dabei die Unterstützung der Reporter, so dass die Tierschützer hocherfreut wieder abziehen mit der Bemerkung, sie seien ja eigentlich Tierschützer und keine Tiervernichter. Daraus entstanden dann viele Zeitungsartikel und für die Öffentlichkeit stellte es sich wie ein Nachbarschaftsstreit dar, doch Familie Allgaier und wir haben halt nur unterschiedliche Ansichten über Naturschutz. Schliesslich kam es dann auch zu einer Anhörung im Naturschutzausschuss der City of Brookfield. Das letzte Wort hatte unsere Bürgermeisterin Kathy Bloomberg: "Der Bieber wohnt nicht auf Ihrer Terrasse, sondern auf öffentlichem Land und er fällt auch nicht die Bäume in Ihrem Garten, sondern die im städtischen Feuchtgebiet. Dafür bin ich verantwortlich und ich erlaube dem Bieber zu bleiben." Inzwischen hat das Bieberpaar zwei Junge und hat sich eine riesige Winterburg errichtet aus Ästen und Reisig. Wo immer wir auftauchen, beim Sport oder auf einer Party, werden wir nach unseren Biebern gefragt. Es war ein aufregender und erfolgreicher Sommer.
Wir wünschen Euch ein harmonisches Weihnachtsfest und ein friedvolles Jahr 1994


Heidi - Dietmar - Annemarei - Mark