WEIHNACHTEN 1998

Nun haben wir schon den dritten Advent und trotz aller guten Vorsätze, die Weihnachtspost bis heute erledigt zu haben, ist es uns einmal wieder nicht gelungen. Vielleicht liegt es daran, daß uns gar nicht nach Weihnachten zu-mute ist: bis zum 2. Advent hatten wir herbstliche Temperaturen und auch jetzt scheint die Sonne und wir erwarten heute zehn Grad. Für einige Tage lag eine leichte Schneedecke und wir hatten auf den Winter gehofft. Ja, so haben wir uns in Wisconsiniten verwandelt, die nach einem schönen Sommer den Winter begrüßen: Ruhe und Besinnlich-keit kehren ein, Zeit für ein gutes Buch und die vielen liegengebliebenen Projekte, wie Fotos zu sortieren, die alten Dias und Filme besser zu dokumentieren, den Computer endlich beherrschen zu können (das gilt natürlich nur für Heidi!!) und die Hobbys zu reaktivieren. Nun steht aber erst einmal Weihnachten vor der Tür und wir erinnern uns an das vergangene Jahr.

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Weihnachten 1997 war sehr ruhig, denn nur Heidis Mutter war über die Feiertage bei uns. Und um 5 Uhr am Heiligabend begann es zu schneien, so daß wir um Mitternacht einen Spaziergang durch eine Traumlandschaft mit beleuchteten Weihnachtszimmern und frischem Schnee auf den Bäumen machen konnten. Richtig turbulent wurde es am 27.12., an dem wir uns mit den Kindern im Houston Airport trafen und gemeinsam an die mexikanische Pazifik Küste nach Ixtapa in den sonnigen Urlaub flogen. Wir hatten eine große Wohnung gemietet und unser Zimmermädchen stand uns den ganzen Tag zur Verfügung, so daß wir sie baten, für uns einzukaufen und zwei Mahlzeiten zuzubereiten. Zwei Wochen aßen wir nur mexikanisch und das mit großem Genuß! In diesem Jahr kann Heidis Mutter zwar nicht hier sein, denn sie erholt sich noch von einer Operation, aber alle unsere Kinder und Enkel kommen nach Brookfield und wir sieben feiern dieses Mal Weihnachten hier und fliegen wieder nach Ixtapa. Wir empfinden diese Reisen als etwas Besonderes, weil die Familie etwas gemeinsam unternimmt und wir Eltern sind dankbar, daß die Kinder mit ihren Partnern ihrem auflagenschweren Alltag entrinnen können.

Wir verkürzten den Winter mit einigen Kurzurlauben vor oder nach wissenschaftlichen Tagungen im schönen Sanibel in Florida und in Phoenix in Arizona. Die Kakteenwälder in Tuscon bilden eine faszinierende Kulisse der eigenartig grotesken aber doch grandiosen Wüstenlandschaft. Die Fahrt durch Arizona lehrte uns aber auch, daß diese Hochwüste trotz ewig schönen Wetters nicht unserer Vorstellung von Retirement entspricht.

Unser Reiseprogramm war 1998 etwas weniger weltumspannend, dafür familienbetont. Mark und Lisa zogen von Denver nach Baltimore. Nach abgeschlossener Aus- und Weiterbildung begann für Lisa die Tätigkeit als Kinder-ärztin in einer Praxis in Baltimore. Mark hatte das große Glück , die Facharztausbildung zum Anästhesisten an der berühmten Johns Hopkins Universität fortzusetzen. Das bedeutete Hausverkauf, Hausneukauf und Umzug über 3000 km. Da Lisa ihren letzten Weiterbildungsmonat in Hamburg am Kinderkrankenhaus verbrachte (Solche Optionen bieten die besseren Weiterbildungsprogramme hier), und somit die Familie den Monat Mai in Deutsch-land verlebte, fanden Hauskauf und Umzug ohne Mark und Lisa statt. Ganz schön smart von den beiden! Mark hatte allerdings alles bestens vorab organisiert und Heidi und Dietmar halfen natürlich gerne, den Hauskauf abzu-wickeln und den Umzugstransport zu überwachen. Wir hatten selbstverständlich auch Unterstützung von Barrett und Annemarei, die begeistert sind, daß nun alle so nahe beieinander wohnen. Ende Juni fuhr Heidi noch einmal mit dem Auto nach Baltimore, um Mark beim Einrichten des Hauses behilflich zu sein. Zu dem Zeitpunkt rieten wir Dietmar, IKEA Aktien zu kaufen, weil wir sicherlich für zwei Wochen deren beste Kunden waren. Mark, Lisa und Fritzi sind glücklich in Baltimore.

Alle Probleme der Umwelt, der Erziehung und Krankenversorgung wurden hier in diesem Jahr durch die Monika-Affäre des Präsidenten überschattet. In diesen Tagen hat das Amtsenthebungsverfahren seinen Höhepunkt erreicht und wir sehen die Sache ambivalent . Einerseits empfinden wir, wie die meisten Amerikaner, diesen Eingriff in die Privatsphäre eines Menschen als ungeheuerlich, andererseits bewerten wir die Offenheit als eine der Stärken dieser amerikanischen Demokratie. In jedem anderen Land wäre so etwas vertuscht worden und in jedem anderen Land werden viel schlimmere Unehrlichkeiten immer und laufend vertuscht. Die Sache wird wie das Horneberger Schießen ausgehen. Erstaunlich ist, wie wenig beeindruckt Clinton seine Amtsgeschäfte weiterführt. Die Politik der Republikaner wird von wenigen Wählern unterstützt. Ihre Stimmenverluste dürften bei der nächsten Wahl noch höher ausfallen. Sie aber hoffen, daß dann alles vergessen sein wird.

Das Wetter bescherte Milwaukee den Sommer bereits ab Mai, es gab zum ersten Mal seit vielen Jahren einen aus-gedehnten Frühling und trotz eines milden Winters begann die Mückenplage erst am 6. August nach einer extremen Regenmenge von 30 cm innerhalb von drei Stunden! Autoeinfahrten wurden zu reißenden Bächen und Straßen zu angsteinflößenden Strömen. Dietmar bekam selbst in seinem hochgelagerten Van nasse Füße, da der Motor in einer Regenpfütze auf der Kreuzung ersoff. Er mußte zu Fuß nach Hause und war froh, daß er schwimmen konnte. Hitze und Überschwemmung ließen dann die Mückenplage explodieren.

Im Mai flogen Heidi und Dietmar für eine Woche nach England. Die ersten drei Tage verbrachten wir bei Mary und Allen in Scarborough, wohin wir mit der Bahn fuhren und in einer mit viel Liebe zu Bed und Breakfast umgestalteten Bahnstation wohnten. Dann ging es mit einer alten Dampflok durch Yorkshire – Dietmar befand sich im Eisenbahn-traumland. Während der drei Tage in London, das uns nach so langer Zeit wieder richtig gut gefiel – spontan sagten wir, hier könnten wir leben - trafen wir Heidis Cousine Rita und ihren Mann George. Es war spannend und unterhaltsam über unsere Familien und Vorfahren zu reden und Erinnerungen mit Gehörtem zu vergleichen und auszutauschen. Abends besuchten wir das Musical „Miss Saigon" . Heidi gefielen Thema und Musik ausgesprochen gut, während Dietmar nicht so begeistert war, aber er war schon von „Les Miserables", das der gleiche Komponist verfaßt hat, weniger angetan. Wir sind sehr froh, daß wir neue Familienbande in England geknüpft haben und werden sie pflegen. Die Theater in Milwaukee boten diesen Sommer viele Broadway Produktionen, von denen wir „Showboat", „Westside Story" und „Riverdance", die irischen Steptänze, auf der Bühne erlebten.

Während wir in Baltimore und England waren, hatte Gisas Tochter Kathi unser Haus gehütet . Sie wollte nach ihrem bestandenen Schwesternexamen berufliche Erfahrungen in Amerika sammeln. Leider konnte sie hier aus rechtlichen Gründen weder hospitieren noch arbeiten, sondern nur stundenweise mit Kindern auf der Krebsstation spielen, eine Tätigkeit, die von freiwilligen Helfern übernommen wird.

Ende Mai kamen Dietmars Mutter und Reinhard für vier Wochen zu Besuch. In diesen Wochen wurde es schon recht warm, aber dennoch haben sie wohl eine angenehme Zeit hier verbracht. Die Reise an den wunderschönen, nordisch herben Obere See und die Apostelinseln wird wohl nicht vergessen werden.

Nach einem schönen Sommer verbrachten wir Ferien mit Uschi und Walter, Dietmars Cousine und deren Mann, in Las Vegas und in den Rockies, um den Grand Canyon in Nevada und Arizona zu erleben. Daß der Grand Canyon atembe-raubend schön und gigantisch ist, wissen wir, aber zu unserer Überraschung war auch Las Vegas gigantisch und demon-strierte amerikanische Superlative. Unser Erstaunen – der Unterkiefer blieb uns studenlang hängen – ist nicht in Worten faßbar. Die Sache ist erlebenswert. Komischerweise wurde nach wenigen Tagen alles langweilig.

Zu Marks 30. Geburtstag flogen wir nach Baltimore, genossen die Tage mit den Kindern sehr, natürlich besonders Fritzi, 4 Jahre, die nach den vier Wochen in Hamburg sehr gut deutsch versteht und, wenn es sein muß, auch spricht. Sie besucht einen Waldorf-Kindergarten und für zwei Stunden in der Woche eine deutschsprachige Spielgruppe. Lisa sammelt in Baltimore ihre ersten Praxiserfahrungen. Auch übernimmt sie Nachtdienste in einem Nachsorge Kranken-haus für Kinder. Mark ist absolut glücklich mit seiner neuen Position. Auch Anna und Barrett kamen zur Geburtstags-feier. Annemarei befindet sich im letzten Jahr ihres Medizinstudiums und hat damit alle wichtigen und aufreibenden Monate hinter sich. Sie weiß inzwischen, daß sie Neurologin werden will und ist in diesen Wochen wegen der Vorstel-lungsgespräche an der Ost- und Westküste auf Reisen. Barrett hat im Mai sein Jura Studium beendet und in der näch-sten Woche wird er zum Anwalt eingeschworen. Um Annas 4. Studienjahr zu überbrücken, studiert er zusätzlich Pädagogik und wird ab Mai 99 Geschichtslehrer sein. Diese Ausbildung macht ihm wirklich Spaß. Für ihn ist das Arbeiten mit Kindern so wichtig, daß er darin eine mögliche Lebensaufgabe sieht. Und das als vollausgebildeter Jurist? So wird man überrascht.

1998 brachte viele Veränderungen und 1999 wird nicht anders sein. "Panta rei". Unser Ziel bleibt dennoch, alle Wittmanns in einem ranchartigen Anwesen in Virginia (?) zu vereinen, eventually. Im Kyberspace sind wir das schon: siehe unsere ersten "Web page" Versuche: www.colonna.net

Fröhliche Weihnachten und ein gutes 1999

Dietmar und Heidi

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